WEINPOPULIST, WINZER, WÜRTZ

Der Erfolg gibt ihm Ress! Dirk Würtz ist der Tausendsassa der Weinszene. Kellermeister bei Balthasar Ress, deutschlandweit bekannter und einflussreicher Weinblogger, Initiator der meinungsverteilenden Facebook-Seite „Hauptsache Wein“ und für diverse Weinmedien auch als Journalist tätig, der mit seiner Kritik an angestammten Systemen auch anzuecken weiß. Ein Populist im Dienste der richtigen Sache. Und auch ein zeitlebens Suchender, der weiß, dass er schon viel gefunden hat und niemals alles finden wird.

Dirk Würtz ist die derzeit wohl bekannteste Persönlichkeit im deutschen Weinbau. Und er ist einer der öffentlichsten Menschen der Weinszene. Mitteilsam, angreifbar, widerspruchsfähig, populistisch und allumfassend. Würtz wäre ein guter Politiker geworden, ein Sozialdemokrat mit Wirklichkeitsbezug.

Zunächst aber ist Würtz bloß „ein Weinbauer“, wie er sagt. Seine Koketterie legt er auf das Wort Bauer; er erdet sein Winzersein in der von sicher auch beseelender Schlichtheit geprägten Welt der Landwirte. Er weiß selbst, dass sein „Bauer“ nur bedingt stimmt, denn der Winzer ist immer ein besonderer Bauer, einer, der ein Kulturgetränk keltert und nicht Mais und Bohnen auf Lastwägen lädt.

Würtz war lange Jahre Winzer und Weinmacher – die meiste Zeit mit eigenen, wechslend erfolgreichen Projekten in eigener Sache – und er war schon als Blogger und Journalist bundesweit bekannt, als ihn Christian Ress 2009 auf sein großes Weingut im Rheingau einlud, um sich die Hänge und den Keller anzusehen. Das Weingut Balthasar Ress, das zu den alten und ehrwürdigen deutschen Weingütern gehört, bedurfte einer neuen Ausrichtung. Und Christian Ress holte mit Würtz einen Mann, zu dem man Mut mitbringen muss. Denn Würtz hat seinen eigenen Kopf. Und der will manchmal durch die Wand. 2011 übernahm der „Berater“ Würtz auch die Betriebsleitung. Ress und Würtz begannen zu ahnen, was sie aneinander hatten und finden wollten.

Dirk Würtz hat mit Christian Ress sein perfektes Pendant gefunden – oder andersrum. Beide profitieren von Beziehung und Werk, beide machen heute das, was sie am besten können: erfolgreich sein – jeder auf seinem Feld, doch beide für das Weingut.

 

Heimat Ress

 

Bis zur „Heimat“ bei Balthasar Ress, dem ersten Weingut, wo Dirk Würtz komplett zeigen kann, welch individueller und oft auch genialer Winzer in ihm steckt; bis zu diesem „Vaterland“ war es aber ein langer Weg, denn Würtz ist der klassische Quereinsteiger im Weinbau, einer, der sich irgendwo finden und erden muss, weil er kein elterliches Weingut hat, in das er zurückkehren kann. Dirk Würtz ist niemandes verlorener Sohn, er ist keinem abgegangen, als er keine Flaschen mit seinen Weinen füllte. Zu seinem Dasein muss er veröffentlichen. Nicht nur Artikel, sondern auch Flüssiges: Kreationen seiner Handschrift, die er wechselnder Art schreiben lassen kann, ohne dass dies groß auffällt – das ist dann die große Kunst.

Würtz studierte Betriebswirtschaft, Politologie und sogar Philologie. Auf Alibi, wie er sagt. Warum Alibi? Weil er gar nicht erfolgreich abschließen wollte; weil er wusste, dass etwas anderes ihn zur Sache rief: der Weinbau. 1996 begann er ein Praktikum beim bekannten Weingut Robert Weil (das mit dem blauen Etikett), bei dem er anschließend auch eine Zeit lang als Kellermeister tätig war. Das Weingut Weil und die Menschen dort, zu welchen Würtz auch heute noch eine mehr als freundschaftliche Beziehung pflegt, waren seine erste Heimat und gleich auch ein großer Name einer bedeutenden Region. Doch vor zwanzig Jahren war die Welt nicht reif für einen Weinmacher, der intellektuelle Weine machen will, die trotz ihrer Kopfgeburt so populistisch gekeltert sind, dass sie auch bei der breiten Masse der Weintrinker als unkompliziert ankommen können. Und auch Würtz war erst auf dem Sprung in seine Richtung. Gedanklich dabei. Doch er musste von etwas leben und die eben erst gegründete Familie ernähren. Das große Ding ging erst, als vieles seiner Aufbaujahre in trockenen Tüchern war. Dirk Würtz wollte und will verständliche Avantgarde für eine große Menge Leute keltern. Und das ist ihm – wie kaum einem anderen Kellermeister in Deutschland – mit Geschick und Instinkt gelungen. Jetzt! Bei Balthasar Ress! Die Zeit bei Robert Weil war die notwendige Pflicht, das große Fundament. Die Zeit bei Ress ist vor allem Kür, das elegante, mitunter fragile Bauwerk.

Weinblogger und Journalist wurde Würtz erst 2008. Er hat ein nicht zu leugnendes Talent zu schreiben, weil er so schreiben kann, wie er spricht: einfach, verständlich, gut zusammenfassend, im Ton freundlich, in der Sache oft angriffslustig und die angelesenen Stilelemente so geschickt einsetzend, dass sie nicht als Merkmal zur Geltung kommen und weder den Inhalt noch die Botschaft zu penetrieren vermögen. Würtz hat nicht weniger als eine neue Weinsprache etabliert; die lockere Art, Wein zwar als Kulturgut, jedoch nicht als Religion darzustellen. Würtz nahm seinen Lesern die Schwellenangst, denn er kennt die Dünkel nicht, die altgediente deutsche Weinjournalisten prägen, die gerne auch heute noch aus einer Art Geheimwelt berichten, die eigener Codes bedarf, um als vollwertiger Konsument wahrgenommen zu werden. 

Vertrauensmann junger Winzer

 

Als ich Dirk neulich bei Balthasar Ress besuchte, war auch eine Winzerin zugegen, die unbedingt seine Meinung zu ihrem ersten Orange Wein hören wollte. So eine „Heimsuchung“ kommt bei Würtz nicht selten vor, denn der ewige Bube ist mittlerweile eine Institution für junge, aufstrebende und suchende deutsche Winzerinnen und Winzer geworden. Wenn man ihm das sagt, erntet man allerdings nur ein schallendes Lachen und den Folgesatz: „Ich bin Bauer und gut ist´s“. Nennt es kokettieren oder was auch immer, doch Würtz meint es ehrlich mit sich als Bauer. Er will, er muss am Boden bleiben, denn er kennt sich gut genug, um zu wissen, dass nur der Boden ihn am Boden hält.

Dirk Würtz will einen anderen Rheingau. Dazu ist es notwendig, die starren, altmodischen Strukturen aufzubrechen. Würtz steht hier zusammen mit weiteren regionalen Winzern – wie etwa Peter Jakob Kühn – im Scheinwerferlicht, das er selbst aufgedreht hat. Für sich und alle, die sich zu ihm stellen wollen.

Starre, altmodische Strukturen aufzubrechen, das bedeutet, dass Würtz die 45 Hektar von Balthasar Ress auf biologischen Weinbau umstellen muss und auch schon umgestellt hat. Um die biodynamische Bewirtschaftung macht Würtz keinen Bogen; einzig unterwirft er sie einer anderen Maxime. Sie muss Sinn machen! Stupides Verfolgen biodynamischer Ideologien und derart von Flexibilitäten befreites Arbeiten lehnt Würtz entschieden ab.

Auch bei Ress sucht Würtz Zuschauer, die Öffentlichkeit, die er braucht, um er selbst zu sein, sich in ihr zu finden. Da werden Webcams im Keller installiert und kryptische Weinvokabeln lässig in kurzen Videosequenzen für Otto Normaltrinker erklärt, z.B. Orange Wine. Mit seinem Projekt, „The Dinest“, geht es nach Amerika, um etwa die Weinbauregion Washington State und ihre Weine vorzustellen. Stylish, informativ und mit der nötigen „Würtze“ – dieses Wortspiel sei mir hier mal gestattet.

Dirk Würtz geht auf in seinem Beruf. Und sein Umtriebiges verlangt einen großzügigen Chef, der keine Arbeit nach Stechuhren favorisiert. Urlaub, so sagt Würtz, braucht er nur einmal im Jahr - über Weihnachten. Da ist dann auch der Stecker raus, der öffentliche Würtz holt sich ins vertieft Private zurück.

 

Andere Weine braucht das Land.

 

Die Lust auf andere als übliche Weine treibt den Önologen in ihm an. Würtz will nicht tolerieren, dass ein Kulturgetränk wie Wein von ein paar weltweit einflussreichen Kellereien in schmale Schubladen gelegt wird, die den Branchenriesen ein bequemes Weinmachen ermöglicht. Würtz will es unbequem, doch in diesem Unbequemen richtet er sich so ein, dass es nicht zu kompliziert wird. Denn das Komplizierte lähmt die Arbeit und bleibt meist unverstanden. Gerade beim Wein, der die letzten Jahre von komplizierten Moden geradezu überrollt wurde.

Unbequem, aber unkompliziert: Wie das geht und dass es geht, zeigt Würtz im Sortiment der Ress-Weine, etwa – und vor allem – bei seinem Naturwein, ein Riesling namens „32“. Freilich verliert er auch hier, bei der avantgardistischsten Avantgarde, nie den Bezug zum Bodenständigen. „Weine ohne Trinkfluss braucht kein Mensch“, sagt Würtz. Ein einfacher und richtiger Satz, den manche Naturweinwinzer beherzigen sollten, bevor sie die Welt mit untrinkbaren Kreationen bereichern.

Mit dem Riesling "32“ schlägt das Weingut Balthasar Ress ein neues Kapitel im Buch der Rheingau-Weine auf. Der 32 wird zwar immer eine Fußnote bleiben, doch zeigt er auch die Möglichkeiten des Gebiets, und dass man die Ränder genauso sauber keltern kann wie die Mitte. Beim 32 geht es nicht primär um die Fruchtaromen des Rieslings, sondern um seine Struktur, Würze und Mineralität. Gleichzeitig jedoch verliert der Wein niemals seine Sortentypizität und schenkt seinen Trinkern auch ungleich viel mineralische Salze – das, was man gemeinhin Mineralität nennt. Der 32 verfügt über eine „Cremigkeit“, die von der namensgebenden 32-monatigen Reife auf der Vollhefe herrührt. So eine lange Zeit auf der Hefe bedeutet auch, dass man den Wein so oft wie möglich kontrollieren muss, damit er wird, was er ist. Dieser Arbeitsaufwand schlägt sich nicht im Preis nieder  – der 32 ist ein Werk, das dem Renommee dient. Es lohnt ihn über Tage Glas für Glas auszutrinken, denn selten erlebt man die Veränderung „unterhaltender“, die Wein durch Luft erfährt.

Ganz gegenteilig zum Riesling 32 ist der Riesling Großes Gewächs Rüdesheimer Berg Rottland ein Wein mit regulärer Ausrichtung, der zwar ebenfalls der Avantgarde zugehört, diese jedoch nicht ins Fenster stellt. Es ist zudem eine andere Avantgarde, eine, die dem Riesling auch die leisesten Töne seiner Früchte zu entlocken weiß. Weiße Johannisbeeren, Pfirsich und auch gelber Paprika sowie komplexe, erdige und zugleich florale Noten geben sich da im Glas ein gemeinsames Stelldichein, das zum Konzert gerät, wenn der Berg Rottland mal eine Stunde offen herumsteht. Am Gaumen steht die Mineralität auf zwölf Uhr. Das hier ist wirklich große Kunst. Und auch das Ding, das sich im Gegenteil findet. Mit diesem Wort von Hegel empfehle ich beide Flaschen zu leeren. Mehrere davon. Das zahlt sich aus.

Foto: beigestellt

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