PINOT, MON AMOUR!

Sie ist zickig, arrogant und alles andere als einfach. Zugleich ist sie wunderschön, betörend charmant und zum Niederknien. Pinot Noir ist eben eine der edelsten Rebsorten. Und sie ist eine Frau.

"Du musst mich schon erobern. So einfach bin ich nämlich nicht zu haben. Und wenn du Tussis mit grellem Make-up magst oder ordentlich Holz vor der Hütte, bist du bei mir sowieso falsch. Dann bist du aber auch ein Prolet, mit dem ich nix zu tun haben will", sagt Pinot und blickt mich herausfordernd an, als ich das erste Mal einen Pinot Noir probiere. Zuerst kann ich es gar nicht glauben, dass das ein Wein sein soll. Dieses Himbeerwasserl? Pinot blickt beleidigt zur Seite. Wo ist denn die Farbe hin? Pinot verdreht die Augen. Sie macht sich bereit zu gehen. Also koste ich schnell das Himbeerwasserl. Und - BAMMM! - der dünne Saft entpuppt sich als Aromenwahnsinn! Ungläubig rieche und schmecke ich verschiedene Beeren - Preiselbeeren, Himbeeren, Erdbeeren. Eingebettet sind diese Früchte in Aromen von Waldboden, Laub, Holz, Steinen, Moos, ein wenig Rauch. Eine ganze Welt entsteht da vor dem geistigen Auge. Und zwar mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Wie eine Ballettelevin schwebt, flattert und dreht sich Pinot. Sie gibt sich kühl, ist schlank und rank. Und sehr elegant. Eine Naturschönheit, die keinen Schmuck, kein Make-up braucht. Sehr französisch eben. Ich bin begeistert. Und angefixt. Denn in den nächsten Jahren werde ich von ihr nicht wegkommen. Und das weiß sie. Sie beugt sich vor, schaut mir in die Augen und sagt arrogant lächelnd: "Hab ich dir doch gesagt". Dann steht sie wortlos auf und geht. Ich will ihr hinterher laufen, aber sie ist schon um die Ecke verschwunden. Der Beginn einer amour fou.

 

Sie gibt sich kühl, ist schlank und rank.

 

In der Beziehung von Pinot zu einem Winzer spielen sich ganz andere Dramen ab als am Verkostungstisch. Das ist dann eher italienische Oper. Eifersucht, Zeter und Mordio - alles dabei. Anfänglich ist die Beziehung zwischen Winzer und Pinot ja noch gut. Pinot gibt ihr Bestes, will gefallen, zieht ihr schönstes Blütenkleid an, oft zu früh, wodurch sie unter Spätfrost oder Verrieselung leidet. Und dann kränkelt sie auch oft dahin wie Mimi in "La Bohème". Sie ist sehr anfällig für Krankheiten. Und selbst wenn der Winzer es geschafft hat und sich Pinot mit Trauben behängt, geht´s erst richtig los. "Meine Beeren sind klein, na und?", sagt Pinot angriffslustig. "Dafür habe ich viele davon!" Man merkt schon: Pinot wird sehr dünnhäutig. Sie verträgt nichts mehr, nimmt alles persönlich, jede kleinste Wetterkapriole kann zum Problem werden. Pinot braucht dann viel Aufmerksamkeit. Eifersüchtig tut sie alles, damit der Winzer sich vor allem und nur um sie kümmert.

"Sieh her, was passiert, wenn du wieder einmal in einem anderen Weingarten warst, bei dieser lächerlich dummen Cabernet", schreit Pinot dann hysterisch und lässt ihre Trauben platzen. Oder lässt sich von Botrytis befallen, während sie vorwurfsvoll leidend hustet. Oder lässt sich gehen, indem sie Chlorose bekommt. Ihre stumme Anklage: Sieh, was du aus mir gemacht hast. Meine beste Zeit, meine Schönheit hab ich dir geschenkt. Und jetzt sterben meine Blätter ab. Und du bist schuld!

Hat man als Winzer genug Wissen und Erfahrung, Pinot gesund über die Runden zu bringen, kommt es – wieder einmal – auf das Wetter an. Pinot mag den Jahrgang am liebsten genauso kühl, wie sie selbst ist. Aber natürlich nicht zu kühl. Und weil sie eine frühreifende Sorte ist, auf gar keinen Fall heiß. Aber natürlich mit viel Sonne. Ein bisschen die Quadratur des Kreises.

 

Pinot ziert sich also.

 

Und: Was für viele anderen Sorten gut genug ist, reicht ihr nicht. Auch da muss sie anders sein, das Luder. Je heißer, desto schneller steigt der Zuckergrad in den Pinottrauben. Das bedeutet, dass schnell geerntet werden muss, um Aroma und Säure zu retten. Aber oft sind dann die Gerbstoffe in den Trauben nicht ausgereift. Pinot ziert sich also. Kann sich nicht entscheiden. Hält den Winzer hin, für den der richtige Lesezeitpunkt immer ein Vabanquespiel ist.

Wenn der Winzer es geschafft hat, dass Pinot ihm wohl gesonnen bleibt, kommt ihre Metamorphose zu Wein. Aber auch da macht sie Zicken. Ständig muss der Winzer für sie da sein, keinen Moment der Ruhe gönnt sie ihm. Sie reagiert auf jede kleinste Veränderung empfindlich. Kaum drückt der Winzer sie zu sehr, wird sie kratzbürstig. Sprich: Will der Winzer die Farbe aus den dünnen Schalen herauspressen, darf er das nicht zu stark tun, weil sonst die Kerne beschädigt werden und somit der Wein bitter wird. Mit Pinot muss man also sehr vorsichtig umgehen, am besten per Hand pressen, persönliche Zuwendung also – in Neuseeland zum Beispiel wird oft noch mit den Füßen gestampft, die Schalen also nur angebrochen. Außerdem kleidet sich Pinot sehr gerne in Barrique-Holz, will damit aber nicht erschlagen werden. Und so weiter. Pinot funktioniert eben nicht nach Schema F. Was sie mag, muss schon der Winzer selbst herausfinden. Und das ist natürlich jedes Jahr etwas anderes. Feinste Abstimmungen der Techniken für jeden einzelnen Jahrgang sind gefragt. Auf Pinot ist eben kein Verlass, um sie muss der Winzer immer werben. Pinot macht den Winzer wahnsinnig. Positiv formuliert: Mit Pinot wird einem nie langweilig.

Hat der erschöpfte Winzer all diese Hürden, Hysterien und Schwierigkeiten gemeistert, zeigt sich Pinot dann oft von ihrer allerschönsten Seite. Sie fließt ins Glas, breitet dort ihre Aromen aus und lässt sich bewundern und genießen. Und: Sie wird im Alter immer schöner, graziler, feiner und vielschichtiger. Und gnädiger dem Genießer gegenüber. Sie lässt sich im Alter leichter erschließen, hat schon ihre wilde Zeit hinter sich, wird ruhiger.

Eine Schönheit also, die alles fordert, dafür aber viel zu geben hat. Nicht viele Weinbaugebiete erfüllen die klimatischen Voraussetzungen für die komplizierte Pinot. Frankreich ist natürlich prädestiniert, schließlich ist sie dort geboren. Im Burgund wird sie ganz besonders schön und fein, eine Audrey Hepburn quasi. Von hier stammt auch einer der teuersten und berühmtesten Pinots: Domaine Romanée-Conti. Quasi unbezahlbar. Manche müssen ihr Leben lang diese Pinot aus der Ferne anschauen wie eine kühle, zarte Prinzessin in den Gazetten.

 

Logisch, Pinot ist eben Luxus pur.

 

Ganz vorne mit dabei ist Pinot auch bei der Champagnerherstellung, egal ob reinsortig in Weiß oder Rosé oder auch in einer Cuvée. Logisch, Pinot ist eben Luxus pur. Abseits von Frankreich hat sich Neuseeland bewährt, da hier ähnliche klimatische Bedingungen herrschen. Ein wenig fruchtiger als die zurückhaltende französische Pinot vielleicht. Aber schon ziemlich ähnlich.

In Nordkalifornien, aber auch in Oregon, fühlt sich die feine Frau Pinot ebenso wohl. Und auch Deutschland bringt immer wieder sensationelle Pinots, hier fast immer ganz deutsch „Spätburgunder“ genannt, hervor.

Natürlich gibt es auch Pinots aus heißeren Gebieten. Aber dann verändert sie sich und wird grell und aufgequollen. Das muss man mögen. Ich tue das nicht. Am liebsten verwurzelt sie sich übrigens in Kalkböden. Die kommen auch nicht überall vor. An Pinot merkt man besonders, wie wichtig das „Terroir“, das Terroahhh, der Boden also, ist. Wächst sie nämlich auf einer anderen Bodenart, z.B. Lehm, verliert Pinot ihren Charme und wird faul und breit wie manche Frauen nach der Hochzeit, wenn Mann und Haus unter Dach und Fach sind.

Man sieht also: Pinot ist ganz oder gar nicht. Sie macht keine halben Sachen. Während ich das schreibe, schimmert sie schon aus meinem Glas. Koketter Augenaufschlag, leicht gelangweilt, gibt sich desinteressiert. Und wieder beginnt das Spiel von vorne. Ich kann nicht genug davon bekommen. Mein letzter Appell, bevor ich den Laptop zuklappe und meiner amour fou restlos fröne: Lasst euch von Pinot, egal woher sie kommt, nicht abwimmeln! Gebt ihr Zeit! Dann kann sie auch zu einer eurer großen Lieben werden!

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