DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES WEINS

Unerträgliche Leichtigkeit? Nicht für uns. Doch für einige Menschen muss Wein schwergewichtig und kompliziert sein. Damit man ihn mit Andacht trinken kann. Wir sagen: Schluss mit dem Stuss!

Als ich jung war, da wurde Wein einfach nur gesoffen. Ja, du liest richtig: „gesoffen“. Wein war auch meistens nur ein saures Gesöff aus unreif gelesenen Trauben. Das hat bei vielen Leuten meiner Generation den Weingeschmack so geprägt wie Ö3 die Musikkultur Österreichs. 

Den schlechten Wein gab es in Stehweinhallen und beim schlechten Wirten. Es gab eine Menge schlechter Wirte damals. Mit einer Menge schlechter Weine. Man will sich eigentlich gar nicht zurückerinnern, denn es waren für Weintrinker schreckliche Zeiten. Freilich gab es auch gute Weine. Wenige nur, aber doch. Das Bürgertum etwa - und dort auch nur jene, die das etwas auf sich hielten - trank hervorragende Veltliner und Rieslinge aus der Wachau, ein paar mollige Rotweine aus der Thermenregion und „pickade“ Süßweine aus dem Seewinkel. Das schmeckte auch, blieb aber Distinktionsmerkmal der Hof- und Kommerzialräte. Dem Volk war der Doppler zugewiesen.

 

Wein war plötzlich wertvoll. Das Saufen war vorbei.

 

In den Achtzigerjahren änderte sich das alles sehr rasch. Man kann durchaus von einer Art Revolution sprechen, denn mit den neuen Kreativberufen (Werbung, irgendwas mit Medien & Betriebsberater) entstand eine andere Konsumkultur. Diese Leute wollten abends ausgehen, essen und Wein trinken. Doch dann kam der Weinskandal. 1985. Und erledigte fast die ganze Branche. Besser konnte es nicht kommen. Glykol sei Dank!

Denn der österreichische Wein erhob sich binnen weniger Jahre wie ein Phoenix aus der Asche und auf einmal war Qualität vorrangig und wurde sogar nachgefragt. Nach und nach entstand eine Weinkultur, wie sie Österreich noch nie gesehen hatte. Die Stehweinhallen sperrten zu, der Doppler verschwand aus den Wirtshäusern und die „Trankler“ wurden nach Kalksburg verfrachtet und dort entsorgt. Wein wurde von nun an „getrunken“. Wein war plötzlich wertvoll. Das Saufen war vorbei. 

Was folgte war ein schöne, unbeschwerte Zwischenzeit, die etwa zehn Jahre dauerte. Alles ging, alles war möglich. Jene Weine aus dem Bordelais und der Toskana, die heute jenseits der 500-Euro-Grenze liegen, waren damals noch erschwinglich. Einmal im Monat ein Château Margaux aus dem Wahnsinnsjahr 1982? Kein Problem. Der Wein kostete beim Meinl am Graben exakt 1440 Schillinge. Das sind ca. 115 Euro. Du willst gar nicht wissen, was dieser Wein heute kostet. Oder was ein gerade gefüllter Château Margaux kostet, den man noch Jahre in den Keller legen muss. Diese Weine stehen aus gutem Grund nicht mehr beim Meinl am Graben im Regal.

 

Sassicaia für umgerechnet 60 Euro? Gab es!

 

Smaragde von F.X. Pichler für umgerechnet 20 Euro? Gab es! Sassicaia für umgerechnet 60 Euro? Gab es! Herrliche Zeiten! Doch dann kamen die Russen und die Chinesen und boten für die besten Weine der Welt glatt das Zehnfache. Aus und vorbei.

Die teuren Weine der Welt, die leider auch meist die besten Weine der Welt sind, verschwanden in den Kellern von Leuten, die irgendwas am Kapitalmarkt machten. Das war aber nicht weiter schlimm, denn die Mittelklasse der Winzer verbesserte weltweit nach und nach die Qualität ihrer Weine und neue Winzer kamen hinzu, oft Quereinsteiger, die neuen Wind in die Landwirtschaft bliesen – Leute mit ungewöhnlichen Ideen. So wurde der Wein auf einmal Mode. Und bei Moden muss man mitreden können. Das war der Anfang vom Ende der unendlichen Leichtigkeit des Weins.

Jetzt begann die Zeit der „Verkostungen“. Mehrere Menschen stehen um einen Menschen herum, der ein paar Flaschen aufmacht und irgendwas erzählt, was eh keiner nachprüfen kann. So war es lange Zeit und ein paar Lügenbarone konnten sich gut als Weinkenner verkaufen – sie führten kein schlechtes Leben. Mit dem Internet aber wurde vieles nachprüfbar und der Konsument, der mitunter schon Weinenthusiast war, ließ sich keinen Bären mehr aufbinden.

 

Mit der neuen Weinkultur kam auch die alte Weinkultur zurück.

 

Doch mit der neuen Weinkultur kamen auch die Anlassweine, also der „Kaminwein“, der „Terrassenwein“, der „Spargelwein“ und so weiter. Einfach nur Wein trinken, so wie früher, das war auf einmal irgendwie kulturlos. Wie kann man nur? Einen Wein einfach so trinken?

Man konnte! Einen Wein einfach so trinken! Damals, als der Wein nicht schmeckte. Jetzt schmeckt er. Und alle suchen einen Anlass, Wein zu trinken, anstatt ihn einfach zu trinken, weil er schmeckt. Gibt es einen besseren Grund? Braucht man dafür einen Kamin, eine Terrasse oder Spargel? Eben! Alles nur Klamauk.

Mit der neuen Weinkultur kam auch die alte Weinkultur zurück, die vor allem in Großbritannien gepflegt wurde. Alte Herren in Anzügen, die stets vom Karaffieren und Dekantieren schwafeln und dem Wein soundsolange Luft zum Atmen oktroyieren. Sicher: Manche Weine brauchen Luft um sich zu spüren, aber die meisten eher nicht. Und schon gar nicht alte Weine.

 

Ich will die Leichtigkeit des Weins zurück!

 

Die alte Weinkultur wurde von der neuen Weinkultur adaptiert und vereinnahmt. Irgendwer Neuer musste sich ja fortan mit dem alten Thema wichtigmachen. Und mit dem Wichtigmachen Geld verdienen. So entstanden die Weinseminare, die Weinschulen, die Weinzirkel. Und jetzt war selbst das Weintrinken unter Beobachtung. Jeder, der einen guten Wein einfach so runterkippt, gilt seither als Banause. Schwenken, riechen, einen kleinen Schluck im Mund kreisen lassen. Ach was: Habt mich gern damit.

Nix da. Ich will die Leichtigkeit des Weins zurück. Auch wenn diese manchen Wein-Befehlshabern unerträglich ist, weil es an Ketzerei grenzt, sich mit Wein nicht ausführlichst zu beschäftigen, einen Wein nicht mit jedem Schluck zu sezieren.

Ich will wieder saufen! Und ich will wieder einen Château Margaux saufen! Nun gut, ich weiß natürlich, dass ich mir den Margaux in die Haare schmieren kann - und den Latour, den Mouton und den Lafite auch. Aber es tut einfach gut, eine teure Flasche Wein einfach aufzumachen und ohne viel nachdenken wegzutrinken. Ohne darüber ein Lexikon auswendig gelernt zu haben. Und ohne über den Wein zu schwafeln. Ja nicht mal, über den Wein sinnieren.

So schmeckt Wein übrigens am besten: Wenn man gar nicht an ihn denkt. Wenn es keine Rolle spielt, was er gekostet hat. Wenn man einfach nur zwei, drei Gläser kippt, um auch mal schnell entspannt zu sein. Wir müssen ja nicht gleich wieder mit dem Saufen anfangen. So wie damals in den Stehweinhallen, als der Wein nicht schmeckte. Aber wir sollten anfangen, mit der Verkopftheit aufzuhören.

 

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