AUF EIN PAAR GLÄSER MIT ANDI GOLDBERGER & MICHI ROSCHER

Der ehemalige Skisprungstar Andi Goldberger und der ORF-Sportkommentator Michi Roscher trafen sich mit Just Taste auf ein paar Gläser Wein und plauderten über Rekorde und den Umgang mit der Angst, südafrikanische Rotweine und das Poysdorfer Weinfest. Und welche die dümmste Reporterfrage ist, die man einem Athleten stellen kann. 

 

Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Ihr seid ja momentan wieder auf Achse. Wo geht’s als nächstes hin?

Michi: Wir fahren morgen nach Zakopane. Jedes Jahr, wenn wir in der Früh losfahren, reden wir im Auto darüber, warum wir uns nicht schon am Vorabend auf einen Wein getroffen haben. Das fragen wir uns ungefähr seit zehn Jahren. Jetzt haben wir einen hochoffiziellen Anlass, um das endlich in die Tat umzusetzen.

Wie ist denn dein Bezug zu Wein, Andi?

Andi: Na, ich trinke schon gerne einmal ein paar Gläser Wein. Außerdem war ich einmal Weinpräsident beim Poysdorfer Winzerfest. Ein ganzes Jahr lang hab ich den Weinviertel DAC repräsentiert.

Während deiner aktiven Karriere war Wein wahrscheinlich überhaupt nicht drin, oder? Stichwort Ernährungsgewohnheiten eines Spitzensportlers.

Andi: Als Junger hat mir Wein gar nicht so geschmeckt. Wenn du als Sportler überhaupt Alkohol trinkst, dann Bier.

Michi: Als Journalist muss ich sagen, es ist ein Irrglaube, dass Sportler grundsätzlich keinen Alkohol trinken. Ich rede jetzt nicht vom verantwortungslosen Trinken. Sportler schauen ja auf die Qualität der Ernährung, deshalb ist Andi sehr wählerisch, was guten Wein betrifft...

Andi (unterbricht): Ich bin nicht wählerisch, ich urteile nur nicht nach Preis oder Etikett, sondern ich stelle einfach fest: Schmeckt er mir oder nicht?

 

"Den Chardonnay kennst du, Andi!"

 

Dann schauen wir einmal, wie dir diese hier schmecken. Wir haben drei Weißweine: Den Grünen Veltliner Vollmondlese von Leo Uibel, die Chardonnay Reserve von Karl Alphart und ein Wachauer Gelber Muskateller von Sighart Donabaum.

Michi: Übrigens, den Chardonnay kennst du, Andi. Kannst dich erinnern?

Andi: Ui...war das der, der mir so geschmeckt hat? (lacht verschwörerisch)

Anscheinend hast du Andi weintechnisch schon auf Schiene gebracht. Du bist ja ein Kind der Thermenregion. Das heißt, ihr kennt die Weine vom Weingut Alphart.

Michi: Natürlich. Ich bin ja in Maria Enzersdorf geboren und aufgewachsen, mit steigendem Alter habe ich mein Einzugsgebiet erweitert auf Perchtoldsdorf, Mödling, Brunn usw. und jetzt, als reifer und erwachsener Mensch, habe ich den Sprung über den Eichkogel geschafft und bin schlussendlich über Gumpoldskirchen, Pfaffstätten und Baden dann in Sooß gelandet. Wahnsinn! (lacht)

Hast du außer der Thermenregion noch Weinvorlieben?

Michi: Ich bin begeisterter Rotweintrinker, besonders jene aus Stellenbosch mag ich sehr gern. Übrigens war ich schon einmal bei einem Weinfestival dort. Das war ein großartiges Erlebnis. Ich steh z.B. auch auf südsteirischen Muskateller, habe aber aus der Gegend um Carnuntum interessanterweise auch gute getrunken. Was ich zum Beispiel gar nicht mag, ist der Blaufränkisch, der ist mir zu würzig.

Andi: Den mag ich wiederum sehr gerne.

 

"Meine Frau sagt, dass Andi meine Winterfrau ist"

 

Wie lange seid ihr denn schon zusammen auf Tour? Und habt ihr mehr eine Ehe oder eine saisonale On-Off-Beziehung?

Michi: Seit 2005. Meine Frau meint, dass Andi meine Winterfrau ist. Wenn du rechnest, dass die Saison vom letzten Novemberwochenende bis zu meinem Geburtstag am 20.3. geht...

Andi: ...also von meinem bis zu deinem Geburtstag...

Michi: Genau. In dieser Zeitspanne hat es Jahre gegeben, wo ich ihn öfter als meine Frau gesehen habe.

Ihr habt auch schon eine eheartige Kommunikation. Der eine übernimmt das Wort des anderen und erzählt die Geschichte weiter...

Michi: Dabei haben wir heute noch gar nicht gestritten.

Andi: Geh, wir sind immer harmonisch. Er übernimmt beim Kommentieren das Sachliche, die Statistiken und so weiter, und ich gebe dann überall meinen Senf dazu.

Michi: Andi sagt dann, was wirklich dahinter steckt.

Andi: Du weißt immer genau, wo, was, wann, wie. Und ich sage dann: gut oder schlecht. 

Du bist vor fast einem Jahr Vater geworden, Andi. Was hat sich verändert?

Andi: Oh, das Wegfahren ist jetzt schon ein bisserl anders. Früher war’s mir egal, dass ich so lang weg war. Aber jetzt zieht es mich natürlich schon sehr nach Hause. Und wenn ich nicht kommentiere, mache ich meinen Talentecup  mit den Kleinen. Da suche ich Skispringer – Burschen und Mädchen.

Wie alt sind die Kinder beim Goldi-Talentecup? 

Andi: Zwischen sechs und zehn Jahre. Weil es am optimalsten ist, wenn die Kinder mit sieben oder acht Jahren zum Springen anfangen. Da fahren sie schon ganz gut Ski, sind schon mutig und interessiert daran, etwas Neues zu lernen, das geht auch am schnellsten und leichtesten in dem Alter. Und die sind beweglich! Manchmal haut’s die auf und sie tun sich gar nichts.

Michi: Übrigens, der Grüne Veltliner schmeckt mir sehr, sehr gut. Ich mag die Rebsorte ja grundsätzlich sehr gerne und dieser hier ist für meinen Geschmack ein besonders guter.

Der ist bei Vollmond gelesen... 

Michi: Das ist mir wurscht. Von so etwas halte ich zum Beispiel überhaupt nichts.

Andi: Echt? Ich halte viel vom Mondkalender. Die Bauern früher haben schon gewusst, dass da was dran ist. Ich bin ja am Bauernhof aufgewachsen und daher kenne ich mich da ein bisschen aus.

 

"Bitte einfach drüberfahren, nicht springen!"

 

 

Zurück zum Springen: Michi, hast du das schon einmal gemacht? 

Michi: Ja! In Ramsau am Dachstein habe ich einmal mit Kollegen die Sportarten ausprobiert, die wir kommentieren. Dort gab’s mehrere Mattenschanzen und wir waren auf der Kinderschanze, da springt man dann 15 Meter. Das sollte man besser ohne Ehrgeiz machen.

Andi: Eine Kinderschanze ist ja auf das Gewicht der Kinder ausgerichtet. Deswegen muss man es dort als Erwachsener gemütlich angehen. Ich habe gesagt: „Bitte einfach drüber fahren, nicht springen!“

Michi: Ein Kollege ist dann aber ehrgeizig geworden und hat Andis Ratschlag irgendwann negiert.

Andi: ...Der wollte einfach den Schanzenrekord...

Michi: Der Kollege ist also noch einmal die Kinderschanze runter. Und dann habe ich als ausgebildeter Rettungssanitäter vom Roten Kreuz Perchtoldsdorf eine halbe Stunde den offenen Bruch des Kollegen unter Zug gehalten.

Au weh! Aber als versierter Laie interessiert mich auch, Michi: Wie war das Springen für dich?

Michi:  Ein großartiges Erlebnis, das auch einen therapeutischen Effekt hatte. Du hast ja schon Angst da oben. Und dieses Gefühl zu überwinden, war schon sehr, sehr spannend.

 

"Wäre das nicht passiert, ich wäre nicht gesprungen"

 

Das ist ja eine der interessantesten Fragen: Wie gehst du mit der Angst um?

Andi: Angst ist ja ein Schutzmechanismus. Der hemmt und soll verhindern, dass du etwas tust. Also, wenn du Angst hast, funktioniert es eh nicht. Du hast als Skispringer schon eine gewisse Grundnervosität oder vielmehr Respekt.

Hattest du schon einmal wirklich Angst am Balken?

Andi: Ja, ein Mal. Da spürst du ganz genau, dass du den Körper nicht mehr steuern kannst. Da fangen dir die Füße zu zittern an und du musst entscheiden: Will ich es drauf ankommen lassen oder nicht? Ich hatte das Glück, dass das Springen kurz vor meinem Start abgebrochen wurde. Wäre das nicht passiert, ich wäre einfach nicht gesprungen. Weil ich gewusst habe, dass es nichts bringt.

Jetzt kommt eine einfachere Übung: Wie schmecken euch die drei Weißweine? 

Michi: Ich möchte keine Wertung abgeben. Mir schmecken alle drei sehr gut. Ich nehme den Grünen Veltliner, wenn ihr mir ein Surschnitzerl serviert. Der Gelbe Muskateller schmeckt untypisch, aber ich finde ihn gut, super zum Beispiel zu einem Schweinsbraten mit Kraut und Knödel. Und der Chardonnay ist ein exzellenter Wein, den würde ich zu einer guten Gänseleber nehmen.

Andi: Ich mach’s sportlich: Chardonnay auf Platz 1, Grüner Veltliner auf Platz 2, der Muskateller auf Platz 3. Der Veltliner ist einer zum „Hertrinken“, der ist supersüffig. Bei den Muskatellern bin ich mehr bei den steirischen Exemplaren daheim, weil sie das, was ich so mag am Muskateller, dieses Holundrig-Traubige, haben. Diesem hier fehlt das.

Welche Weine mögt ihr generell gerne?

Andi: Bei den Rotweinen schmecken mir immer die schwereren besser. Ich mag den Blaufränkisch wirklich sehr gerne, dafür den Zweigelt eher nicht so, den mag der Michi wiederum.

Michi: Ich mag klassischen Weißwein, jung und fruchtig, trocken. Und Rot muss eher schwer oder vielmehr rund sein. Mein Lieblingsrotwein ist die Cuvée „Katharina“ vom Weingut Drimmel in Sooß. Der ist rund und schmeckt einfach gut.

 

"Über 200 Meter zu springen, war damals der Wahnsinn"

 

In Planica bist du zwei Mal Weltrekord gesprungen, Andi. 1994 nur inoffiziell, damals 202 Meter. 2001 dann ebendort 225 Meter. Was ist dir im Rückblick mehr wert – eine Medaille oder diese Rekorde?

Andi: Die 202 Meter 1994 waren der Wahnsinn, aber halt schon auch enttäuschend. Weil ich in den Schnee gegriffen habe und der Rekord damit nicht offiziell war. Dennoch war das überwältigend in dem Moment. Die Grenze waren ja 180 Meter. Und dann über 20 Meter weiter zu springen, war wirklich unglaublich.

Michi: Aber die 225 Meter Weltrekord damals 2001 waren dann schon eine Entschädigung.

Andi: Ja, ich hab mir immer gesagt, dass alles im Leben zurückkommt. Und dann ist es in einem Moment, wo ich nie damit gerechnet hätte, passiert. Den perfekten Sprung kannst du nicht planen, der passiert dir und dafür musst du bereit sein.

Michi, du schiebst schon dein Glas so unruhig hin und her. Ich starte jetzt die Rotweine. Erstens, Lambda von der Fattoria Kappa aus der Toskana.  Zweitens, der Blaufränkisch Eisenberg vom Weingut Groszer Wein. 

Andi: Das ist aber eine besondere Flasche.

Ja, alle Weine von Groszer Wein werden in 1-Liter-Flaschen abgefüllt. Das war in der Region dort früher Tradition. Und, drittens, der Cabernet Devil’s Elbow von Longview, einem kleinen australischen Weingut.

Andi: Auf den Blaufränkisch freue ich mich. Beim Weintrinken bin ich ja eher Patriot.

 

"I give you 1500 Norwegian Krones. Sell me!"

 

 

Was war eigentlich früher anders beim Skispringen?

Andi: Da ist es um nichts gegangen. Das war mehr ein Riesenvolksfest, wo sich alle getroffen haben.

Michi: Armin Kogler hat einmal eine Waschmaschine gewonnen und wusste nicht, wie er diese von Skandinavien nach Hause bringen soll. Stell dir vor, du reist nach Norwegen, nach Trondheim, und gewinnst eine Waschmaschine!

Andi: 1996 war ich beim Sommerwettkampf in Trondheim. Ich war Erster und habe einen Propangasofen gewonnen (lacht). Der Zweite hat einen Bürosessel und der Dritte einen Jogginganzug gekriegt. Dann kam ein Norweger zu mir und und sagte: „I give you 1500 Norwegian Krones. Sell me!“ Das hab ich dann gemacht, den Ofen konnte ich ja sowieso nicht mitnehmen.

Dein erstes Preisgeld? 

Andi: Das habe ich beim Weltcupspringen in Schweden bekommen, da wurde ich Fünfter und Ernst Vettori Erster, das war eines seiner letzten Springen. Am Abend saßen wir zusammen und ich wollte schlafen gehen. Da sagt Ernst: „Du gehst jetzt sicher nicht schlafen. Ich höre bald mit dem Springen auf, so kommen wir nicht mehr zusammen. Und außerdem: Du bist heute Fünfter geworden. Wie viel Franken sind das?“ Ich sage: „1600“. Da sagt er: „Das passt genau für einen schönen Abend.“ (lacht)

Ihr habt in den letzten elf Jahren viel miteinander erlebt. Michi, wie ist das so, wenn man Journalist und Freund gleichzeitig ist? 

Michi: Man muss die Grenze zwischen Beruf und Privat kennen. Das muss möglich sein. Vertrauen darf man nie missbrauchen. Das ist eine Maxime von mir. Denn nichts ist so alt, wie die Schlagzeile von gestern. Loyalität und Vertrauen musst du dir lange erarbeiten, kann dafür aber ganz schnell kaputt sein.

Andi: Michi ist einer der wenigen Journalisten, der wirklich ein Freund ist. Dem vertraue ich. Das hat sowieso gebraucht, weil ich da schon ein paar Mal eingefahren bin.

Apropos Journalist: Welche war die dümmste Reporterfrage, die du je gefragt wurdest, Andi? 

Andi: Das war 2001 bei der Nordischen Weltmeisterschaft. Da hat’s mich zerlegt. Nach diesem Sturz hat mich ein Reporter gefragt: „Hat’s weh getan?“ Ich hab dann gesagt: „Nein, ich schrei nur per Gaudi!“ (lacht)

Was sagt ihr zu den drei Rotweinen? 

Michi: Mein klarer Favorit ist der Australier. Ich stelle überraschenderweise an zweite Stelle den Blaufränkisch, aber nicht, weil er mir zwingend besser als der Lambda schmeckt. Nur hat der ein Etikett, auf denen keine Infos draufstehen, und das mag ich nicht.

Andi: Mir sind zwar meistens österreichische Weine am liebsten und der Blaufränkisch ist wirklich super. Aber der Australier beginnt mir jetzt auch richtig gut zu schmecken! Das Angenehme ist ja, dass der nicht so eine Bombe ist.

Wir haben heute viel gelacht. Humor scheint wichtig für euch zu sein, bei vielen Menschen hört der Humor bei sich selber auf. Könnt ihr über euch selber lachen?

Andi: Ich lache über mich selber am meisten!

Michi: Mein Humor fängt bei mir selber erst an! Kann ich noch etwas von dem Australier haben?

Das Interview führte Christiane Sartena; Fotos © Oliver Sartena.

 

 

 

 

 

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